P.A. Boeckstiegel: 1
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Einführung 1/7



"Denn sehen Sie, in diesem Menschen ist eine ganze Welt verkörpert"

Peter August Böckstiegel und der Expressionismus

Mit dem Glauben an Entwicklung an eine neue Generation der Schaffenden wie der Genießenden, rufen wir alle Jugend zusammen und als Jugend, die die Zukunft trägt, wollen wir uns Arm- und Lebensfreiheit verschaffen gegenüber den wohlangesessenen älteren Kräften. Jeder gehört zu uns, der unmittelbar und unverfälscht das wiedergibt, was ihn zum Schaffen drängt.» [Aus dem Gründungsmanifest der 1905 in Dresden gegründeten Künstlergruppe «Die Brücke»; zit. nach: Wolf-Dieter Dube, Die Künstlergruppe Brücke, in: Ausst.-Kat. Expressionisten Sammlung Buchheim, Wilhelm Lehmbruck Museum, Duisburg 1982, o. S.]

Als der junge Architekturstudent an der TH Dresden Ernst Ludwig Kirchner 1905 diese Sätze als Manifest und - im weitesten Sinne - Programm der soeben mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl gegründeten «Künstlergruppe Brücke» formuliert, ist Peter August Böckstiegel ein 16jähriger Malerlehrling in Bielefeld. Als Böckstiegel 1913 nach Dresden kommt, um nach Abschluß der handwerklichen Ausbildung und der darauffolgenden grundlegenden Studien an der Kunstgewerbeschule in Bielefeld sein Kunststudium an der Akademie fortzusetzen, ist die epochemachende Arbeit der «Brücke»-Künstler eine in Dresden beinahe schon wieder vergessene, Jahre zurückliegende Episode, die in der Akademie keinerlei Spuren hinterlassen hat. Die Künstler der «Brücke» sind seit Jahren schon in Berlin und noch im gleichen Jahr konstatiert Kirchner das Ende der Künstlergruppe nach inneren Streitigkeiten. Einzig die Dresdner Avantgarde-Galerien Arnold und Richter künden noch von ihrem Schaffen vor Ort.

So ist Böckstiegels unbekümmerter und von aller akademischen Weihe völlig unbeeindruckter Auftritt mit seinen starkfarbigen Bildern in den Malsälen der Akademie, in dem man den unmittelbaren und unverfälschten Ausdruck dessen, «was ihn zum Schaffen drängt», geradezu exemplarisch verkörpert sehen kann, für die Lehrenden und die Studenten gleichermaßen ein Schock - die Beschreibung, die sein Künstlerfreund und späterer Schwager Conrad Felixmüller von dieser Begebenheit gibt, fehlt in keiner Böckstiegel- Biographie: «Es war Herbst 1913, als zum Wintersemesteranfang des Studienbetriebs der Dresdener Kgl. Kunstakademie auf der Brühlschen Terrasse ein Mann erschien, der mit energisch hastigen Schritten den Malsaal Prof. Oskar Zwintschers betrat und eine echte Sensation in den fast müden Studierbetrieb brachte. Rosig und blond, blitzend blauäugig, mit rotblondem Vollbart, von kurzer gedrungener Gestalt, reihte er sich selbstbewußt in die Schar der Studierenden ein. Grundierte sofort seine Studie nach einem Modell «Brücke»Alter Musiker im Schwarzen Gehrock»Brücke» auf rosa Hintergrund - zum Entsetzen aller - mit reinen selbstbereiteten Leimfarben vor, um ebenso keck mit reinen, selbstbereiteten Farben den Mann, seine zitronengelb schmetternde Trompete und seinen tiefschwarzen Rock in breiten Strichen hinzusetzen.

Kein Untermalen, tagelang, in braunen Tönen, kein Verreiben der Töne, wie es in den Malersälen noch üblich war. So ein freies selbständiges Vorgehen war etwas unerhört Neues [...]. Aber seine farbige Kraft, sein unmittelbarer Vortrag und seine Naturempfindung wirkten befreiend [...]». [Conrad Felixmüller; zit. nach: Heckmanns 1990]

Es scheint, als sei mit dem Auftritt Böckstiegels der sich nach allen traditionellen Regeln der Kunst vollziehende akademische Lehrbetrieb nun erstmals mit jener Unmittelbarkeit und Unverfälschtheit des künstlerischen Ausdrucks konfrontiert, den die vier jungen Dresdner Künstler acht Jahre zuvor am selben Ort so vehement für sich eingefordert hatten. Vielleicht hat selbst der nur schwache Nachhall, den ihre bildkünstlerische Revolution in Dresden nach Jahren behalten haben mag, Böckstiegels spätere Lehrer aber doch dazu gestimmt, ihren in Person und Werken den akademischen Rahmen sprengenden Studenten aus tiefster westfälischer Provinz in seinem Tun, das sie nach Felixmüllers eingängiger Schilderung in seiner Unabhängigkeit und seinem fundierten fachlichen Können sicher auch beeindruckt hat, gewähren zu lassen.

Dieser Auftritt ist umso erstaunlicher, als Peter August Böckstiegel in seiner Malerei eben jene bildnerischen Prinzipien verfolgt, die auch die grundlegenden stilbildenden Elemente der expressionistischen Bildauffassung waren, wie sie sich in Norddeutschland in der Frühphase der ersten Expressionistengeneration mit der Arbeit der «Brücke» in Dresden seit 1905 und später in Berlin ausgeprägt hatte.

Die betonte Materialität der bildnerischen Mittel, die optische Gegenwärtigkeit der Farbe als pastos, oft mit dem Spachtel aufgetragener Stoff, die Eigenwertigkeit der Farbe unabhängig von motivischen Gegebenheiten, die formale Vereinfachung der Komposition zur Steigerung der Bildaussage, die Monumentalisierung der Form und die Betonung der Fläche als Träger der Farbgründe, die Verselbständigung linearer Strukturen im Gestus der Malerei - diese Elemente einer autonom gewordenen Kunst, die sich von der traditionellen und noch immer akademisch gelehrten Bildvorstellung emanzipiert haben, zeigen Böckstiegels Bildgestaltungen schon seit 1910, als die frühesten heute bekannten Bilder entstehen. Böckstiegel ist damit Jahre vor seinem Akademiebesuch in Dresden auf der Höhe der künstlerischen Avantgarde der Zeit, ohne daß er jemals, räumlich oder persönlich, in näherem Austausch mit ihren Exponenten gestanden hätte.

Es ist das Verdienst seines ersten, für die Phänomene der modernen Kunst selbst sehr aufgeschlossenen Bielefelder Kunstlehrers Ludwig Godewols, dem er an die 1907 gegründete Kunstgewerbeschule folgt, als dieser dort das Direktorat übernimmt, den jungen Kunstschüler durch Besuche im Hagener Folkwangmuseum von Karl Ernst Osthaus 1909 und auf der großen internationalen Sonderbundausstellung in Köln 1912, dem legendären Ausstellungsereignis zur Kunst der Avantgarde der Zeit, mit den Werken der zeitgenössischen Moderne in Kontakt zu bringen. Die Sonderbundausstellung verstärkt nachhaltig die Auseinandersetzung mit van Gogh und macht Böckstiegel erstmals Picassos frühe Bilder zugänglich. Vom Erlebnis dieser Besuche und den tiefen Eindrücken, die die Auseinandersetzung mit den Bildern der Protagonisten einer neuen Kunstauffassung bei ihm hinterließen, hat Böckstiegel noch in den «Aufzeichnungen meines Lebens», die er im Juli 1948 schrieb, berichtet. [Peter August Böckstiegel in: ders. 1984, S. 70 ff.]

Vor allem die Bedeutung van Goghs, ohnehin eine der wichtigsten Vaterfiguren für die junge deutsche Moderne zu Anfang des 20. Jahrhunderts, ist für Böckstiegels künstlerische Entwicklung von seinen Interpreten immer wieder betont worden und Gegenstand eingehender Untersuchung gewesen. [Vgl. zum Thema etwa: Graulich 1989, S. 26 ff.] Dabei ist der direkte Vergleich von Bildern beider Künstler im Hinblick auf die Suche nach motivischer Übereinstimmung oder der Adaption van Goghscher Motive durch den jungen Böckstiegel von weit geringerem Erkenntniswert für die Beschäftigung mit Böckstiegels Malerei als die generelle Feststellung, daß letztlich nicht der wackere Bielefelder Kunstlehrer und auch nicht die Akademieprofessoren in Dresden die wichtigsten Lehrer und Förderer des jungen Künstlers waren, sondern vor allem anderen seine eigene Beschäftigung und Auseinandersetzung mit den Werken der großen Vorbilder, allen voran van Gogh: «Die Künstlerpersönlichkeit kann nicht gezogen noch erzogen werden, sondern sie ist da.» [Vgl. hierzu: Uthemann 1984, S. 9 und S. 12]

Mit solchen und ähnlichen Äußerungen in seiner Lebensbeschreibung oder in Briefen, für die er oft auch Metaphern aus dem bäuerlichen Lebensbereich heranzieht, vom «Ackerfeld» und «Dünger» spricht, «die jeder mit sich führen muß», [Heckmanns 1990, S. 123 u. dortige Anmerkung 11]betont Böckstiegel nachhaltig seine Eigenständigkeit und Unabhängigkeit: «Der freie eigenwillige Künder und Gestalter, der sein Innenleben immer unter einer strengen Lupe hat, wird niemals ein Massenmensch, ein Herdenkünstler sein und werden.» [Böckstiegel 1984, S. 78]

[Das als Überschrift des vorliegenden Beitrags verwandte Zitat ist einem Brief von Peter August Böckstiegel an Dr. Heinrich Becker vom 19. 12. 1925 entnommen; zit. nach: Thomas u. Kurzberg o. J. (1969).]

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