P.A. Boeckstiegel: 1889-1910
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Biographie P.A. Böckstiegel - Jahresübersicht: 

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Am 7. April 1889 werden die Zwillinge Peter August (dessen Rufname zeitlebens August ist) und Luise als zwei von sechs Geschwistern im Arroder Elternhaus in der Familienschlafstube geboren. Im Herbst des Vorjahres hatte die junge Familie den Bauernkotten in Arrode bei Werther in Westfalen bezogen. Der Familienname Böckstiegel [«Buche am Bach bedeutet sein Name im Hochdeutschen», K. H., Der Künstler P. A. Böckstiegel, in: Bielefelder Spiegel, H.13, Juli 1956, S.15] ist seit dem 14. Jahrhundert im westfälischen Raum nachweisbar. Der Vater, Friedrich Wilhelm [geb. am 10. 4. 1856 in Enger/Westfalen, gest. am 7. 10. 1931 in Arrode], ist Neubauer und Weber und seit dem 6. April 1879 mit Friederike Böckstiegel, geb. Siekmann [Johanna Wilhelmine Friederike Siekmann, geb. am 18. 12. 1855 in Deppendorf bei Bielefeld, gest. 14. 10. 1929 in Arrode], verheiratet. Peter August Böckstiegels Kindheit ist geprägt durch die materiell karge, zugleich menschlich und sozial sehr dicht gefügte familiäre Existenz seines häuslichen Umfelds.


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Böckstiegel besucht die Volksschule in Werther. Ob der junge August zu dieser Zeit schon mit einem besonderen künstlerischen Talent auffällt, ist fraglich. Die frühkindlichen Erinnerungen des späteren Erwachsenen legen jedoch nahe, dass er mit ganz besonders wacher Sensibilität die Farben und Formen, Gerüche und Geräusche seiner Umgebung aufgenommen hat. Die Schulwände hingegen sind ihm als «kahl und nüchtern» in Erinnerung geblieben. [Böckstiegel o. J.]


Geprägt sind die Eindrücke der Kindheit durch die Welt der Erwachsenen, durch das bäuerliche Arbeitsleben und den Wechsel der Jahreszeiten - eine Welt aus erster Hand gewissermaßen. Jene virtuellen Welten, die den Kindern des späten 20. Jahrhunderts so vertraut sind, diese Realitäten aus zweiter Hand wie Film und Fernsehen und die Flut von Ab-Bildern, fehlen in Böckstiegels Kindheit und Jugend vollständig. Bis zu seinem 20. Lebensjahr hat er kaum ein Kunstwerk im Original gesehen. Selbst Reproduktionen scheint es in seiner Umgebung so gut wie nicht zu geben. In seinem bäuerlichen Elternhaus stehen nur wenige Bücher außer der Bibel, die ihm jedoch durch die Erzählungen seiner Eltern tief vertraut ist und deren archaische Bilderwelt seine Phantasie besonders nachhaltig anregt. Später erinnert er sich: «So zeichnete ich als kleiner Junge Feld, Wald, Tier und Mensch, die alttestamentarischen Schilderungen, Josef und seine Brüder, der Turmbau zu Babel, der Zug durchs Rote Meer, das Goldene Kalb, die Arche Noah, die Völker in der Wüste, Lot und seine Töchter, die Himmelsleiter, eine Wunderwelt mit großen Geheimnissen stand vor mir, oft sann ich darüber nach, wie alles wohl zugegangen.» [Ebda.] 

Von diesen frühesten Kinderzeichnungen ist nichts erhalten geblieben, da sie zumeist auf Schiefertafeln gemalt waren. Ob und wie seine Eltern und die zahlreichen Verwandten und Paten Böckstiegels frühe künstlerische Begabung und den ungestümen Drang zur malerischen Äußerung festgestellt oder kommentiert haben, ist ebenfalls nicht überliefert. Nicht ohne liebevollen Humor erinnert sich Böckstiegel später aber an eine Äußerung seiner «Tante König», der Schwester seiner Mutter (Wvz 121), die er oft gemalt und gezeichnet hat: «Mein Wilhelm, wie konnte er malen, wenn er unsere weißblau gekälkte Bauernstube mit Blumen betupfte, die in Rüben und Kartoffeln geschnitten waren und in roten und blauen Farben alles verschönten. Er hielt Dich mit zur Taufe, ich glaube, davon hast Du auch etwas, wenn ich so Deine Malereien betrachte.» [Böckstiegel 1933]


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Der Wunsch, Maler zu werden, steht für den l4jährigen August bereits nach Abschluss seiner Volksschulzeit fest - allerdings muss seine Vorstellung von diesem Berufsbild ebenso vage gewesen sein, wie die seiner Eltern, die ihn am 15. April 1903 in die Lehre zu Malermeister F. Rottmann in Bielefeld schicken. Im selben Jahr trifft er während seiner Lehre an der Fachschule der Bielefelder Malerinnung auf Ludwig Godewols [Geb 29. 10. 1870 in Gnoien/Mecklenburg, gest. 1926 in Bielefeld], der dort - ebenfalls ab 1903 - als Lehrer für dekoratives Malen, Ornamentschattierungen, Marmormalen, Zeichnen und Malen nach der Natur tätig ist. Godewols erkennt Böckstiegels Talent und fördert ihn, zusammen mit anderen Schülern, in freiwilligem Abendunterricht beim Kopfzeichnen nach lebendem Modell. [Fritz Schreiber, in: Godewols und seine Schüler, Katalog Bielefeld 1953, o.S.]

Derart gefordert und gefördert, sieht Böckstiegel in dieser Zeit erstmals ganz bewusst Reproduktionen von Gemälden bekannter Meister, und sie machen auf sein so empfängliches Gemüt einen unauslöschlichen Eindruck: «Als Malerlehrling sah ich das Gemälde von Segantini im Fenster einer Bielefelder Kunsthandlung. Zwei Mütter, das Glückhafte von Mensch und Tier, die Erhabenheit im Seelischen ist ergreifend gestaltet.
 
Kein weiteres Tierbild, wo das Göttliche im Leben so wunderbar im Ausdruck erstrahlt, kenne ich.» [Böckstiegel o. J.]
Die Bedeutung dieser frühen Förderung und Schulung durch Ludwig Godewols hat Böckstiegel in späteren Briefen und Manuskripten immer wieder hervorgehoben: «Mein guter Lehrer, Mensch und Freund Prof. Godewols war mit dem Fleckchen Erde in Arrode meine Akademie.» [Ebda.]


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Mit einem «gut» in «Betragen» wird P. A. Böckstiegel am 13. März 1907 im Prüfungszeugnis der Handwerkskammer Bielefeld bescheinigt, dass er das «Maler- + Glaser-Handwerk [...] ordnungsmäßig erlernt» und bestanden hat.
Im selben Jahr wird in Bielefeld die Handwerker- und Kunstgewerbeschule gegründet, die Wilhelm Thiele und Max Wrba leiten. Ludwig Godewols wird Lehrer an dieser Schule und zieht viele seiner Schüler mit sich. [Neben Böckstiegel sind das Hermann Freudenau, August Brunschön, Walter Kramme, Ernst Sagewka, Willy Schabon, Fritz Schreiber, Heinz Lewerenz, Victor Tuxhorn und andere.]

Er gilt als mitreißender, in materiellen Dingen großzügiger, aber auch strenger und penibler Lehrmeister, was ihm den etwas boshaften Spitznamen «der Schuster» einträgt. [Fritz Schreiber, aaO., o.S.]
Von den in den Jahren 1907 bis 1913 unter Godewols entstandenen Schülerarbeiten ist nichts erhalten geblieben. Wie sich Böckstiegels Witwe Hanna erinnerte, befanden sich diese Arbeiten im Besitz der Kunstgewerbeschule, wo sie offenbar in den Wirren der Zeiten verlorengingen.


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Das Jahr 1909 bringt eine intensive Zeit des künstlerischen Erwachens für den gerade 20-Jährigen. Zusammen mit Godewols und seinen Schülern besucht er das Museum Folkwang in Hagen, das damals von Karl Ernst Osthaus geleitet wird, der die Gruppe selbst durch die Säle führt. Böckstiegel nennt diese erste geballte Begegnung mit der zeitgenössischen Kunst eine «Offenbarung»: «Wie groß wurde mir das Künstlerleben im Karl-Ernst-Osthaus-Museum in Hagen 1909. Werke von Gauguin, Feuerbach, Manet, Cézanne, Renoir oder van Gogh, Rodin stürmten auf mich ein. Alles war ein Singen und Brennen. Es war ein Tag größter Offenbarung. Ich glaubte einen Opferaltar betreten zu haben. [...] Diese große, gütige, schlanke Gestalt [K. E. Osthaus], das Verstehen um seine gesammelte Welt, drückte sich in Wort und Gebärde tief in mein Herze ein. Wahrhaftig und schön klangen all die Worte über die Lieblinge. Begeisterung und Besessenheit für die große Kunst Europas, überhaupt der Welt wurde mir hier klar dargelegt.» [Böckstiegel 1948]

Leider ist aus diesem Jahr kein Werk Böckstiegels erhalten; die Vermutung liegt nahe, dass der begeisterte Kunststudent sich sofort daran macht, diese Eindrücke künstlerisch zu verarbeiten. Erst aus dem folgenden Jahr 1910 haben wir einige wenige sicher datierte Bilder.


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Diese ersten Gemälde und Grafiken greifen bereits exemplarisch jenen Themenbereich auf, aus dem Böckstiegel Zeit seines Lebens schöpfen wird: sein bäuerliches Umfeld mit seinen Menschen und Landschaften. Das Familienleben ist innig und intensiv. Die räumliche Beengtheit im kleinen Bauernkotten, die intensiven Kontakte zu Nachbarn und Verwandten wecken in Böckstiegel jene fast archaisch anmutende Bindung an Arrode und das Elternhaus, die sein Leben so grundlegend bestimmt. Ein Großteil seiner Gedanken kreist stets um die Eltern, seine Liebe und Dankbarkeit ihnen gegenüber äußert er immer wieder: «Die gütigen, helfenden Hände meiner Eltern, das geistige Verstehen, verband sich mit einer großen Liebe für mein Schaffen.» [Ebda.]

Vater und Mutter sind einfache, wortkarge Menschen, die mit unendlichen Mühen das nur wenige Hektar umfassende eigene Land bearbeiten und nebenher ein Zubrot durch Weben verdienen. Die zunehmende Industrialisierung der Textilverarbeitung auch in diesem Teil Westfalens bringt es mit sich, dass die Verdienstmöglichkeiten für Heimweber drastisch abnehmen. Der Vater arbeitet daher später im nahen Werther am Bau der Eisenbahntrasse.

Dass ein Portrait des Vaters (Wvz 1) zu den ersten Gemälden gehört, ist kein Zufall. Das noch etwas unsicher proportionierte Bildnis ist streng frontal gesehen. Dennoch blickt der Portraitierte nicht gerade aus dem Bild heraus, sondern wirkt in sich gekehrt, der Blick weicht aus. Der Kopf ist hervorgehoben durch den ihn knapp umschreibenden Fensterrahmen und das Fensterkreuz. Das gleißend helle Tageslicht außen ist wiedergegeben durch einen pastosen weißen Farbauftrag, der ganz dem großen Vorbild van Gogh verpflichtet ist.

Der wie verschämt ausweichende Blick, die wie abwehrend gesenkte Stirn des Vaters markieren hier die zu diesem Zeitpunkt noch ungewohnte Situation des Gemaltwerdens, des Ausgeliefertseins an die Interpretation des Künstlers. In den späteren Portraits der Eltern fehlt selten der Blickkontakt zwischen Modell und Künstler.


Unbefangener treten sich Maler und Modell im Portrait Bauernjunge (Wvz 2) gegenüber. Mit knappen, sparsamen Linien ist der runde, kahlgeschorene Kopf des Jungen erfasst. Gerhard Graulich weist auf die deutlichen «motivlich-thematischen Entsprechungen zu van Gogh» hin und auf die frappanten Ähnlichkeiten zwischen dem Bauernjungen und van Goghs Selbstbildnis von 1888, das Böckstiegel wohlbekannt war und das er ausführlich studiert hatte, wie ein bei Graulich zitierter Briefauszug Böckstiegels belegt: «Das Ohr lauscht nach allen Regungen der Winde, ob es nicht den Sturm hört. [...] Diese willensstarke Nase zuckt wie ein Blitz und stößt Erbarmung aus bei jedem Atemzug. Der aufgeschlagene Rock, weit geöffnet, zugleich wieder geschlossen durch das Hemd mit der festen Brosche. Das beste im Menschen bleibt ewig ein Geheimnis, und so wird der Mensch Vincent auch ewig ein Geheimnis sein.» [Böckstiegel in einem Brief vom 24.1.1925, in Graulich 1989, S.29f] 

Der van Goghsche Strich und die heftige, pastose Malweise des Niederländers dominieren auch Böckstiegels Elternhaus im Winter (Wvz 4). Durch wenige, heftig auf die Leinwand gesetzte helle und bunte Farbstriche entstehen die Konturen des Hauses. Fast ist es nur die Idee eines Hauses, das lediglich durch die Andeutung charakteristischer Merkmale wie dem steilen Dach und dem zu erahnenden Fachwerk an der Vorderfront erkennbar wird. Die Technik der Wiedergabe von konturenlosem Weiß in der Darstellung von gleißendem Tageslicht und den Schneeflächen durch die Aussparung der weiß grundierten Leinwand ist hier ganz offensichtlich von den französischen Fauves entlehnt; später hat Böckstiegel sie so gut wie nicht mehr angewendet.

Zu den allerfrühesten überlieferten Portraits ist auch die erst kürzlich wiederentdeckte Ölskizze Junger Mann (Wvz 3) zu rechnen. Die über Kohle gemalte Studie ist offensichtlich unvollendet und zeigt vielleicht einen Mitschüler von der Bielefelder Kunstgewerbeschule. Trotz des rudimentären Zustands hat Böckstiegel es stolz und nachdrücklich signiert, allerdings gänzlich uncharakteristisch in Kohle und in weit ausholender lateinischer Schreibschrift.

Ein Kuriosum in Thematik und Stil ist das plakativ-bunte Bild einer afrikanischen Maske (Wvz 5), die vielleicht schon im Jahr 1909 nach dem Besuch der Hagener Ausstellung entstand. Die fast fotorealistisch detailversessene Wiedergabe der schwarzweißen Maske scheint ein Echo auf die akademische Strenge Godewols' zu sein - die mutig nebeneinandergesetzten Komplementärfarben des Hintergrundes sind allerdings, wenn auch sparsam und wenig pastos auf die Leinwand gestrichen, doch schon ein ganz eigener künstlerischer Ausdruck.
Es scheint dies die einzige Schülerarbeit im Sinne des Wortes zu sein, die von Böckstiegel aus diesen Jahren in der Kunstgewerbeschule erhalten ist. Alle anderen erhaltenen Gemälde dieser Jahre sind vermutlich nicht in der Schule unter Godewols' Aufsicht, sondern zu Hause in Arrode entstanden.

Auch die ersten druckgrafischen Blätter stammen aus dem Jahr 1910. [Vgl. Becker 1952 und Matuszak 1995] Die Motive sind hier - in noch zurückhaltend kleinem Format und fast schulmäßig präziser Ätzradierung - Landschaften, Ziegen im Stall und zwei badende Jungen, wie sie ähnlich auch Max Liebermann dargestellt hätte. Der erste Hinweis auf Böckstiegels später mit
aller Heftigkeit eingesetzte Radiernadel ist in der Winterlandschaft (Matuszak 5) zu entdecken, in der summarischen, selbstbewusst gesetzten aber noch nicht sehr routinierten Erfassung des Himmels.

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